Fokusgruppe – wie geht das? Andersicht-Erfahrungen aus der Vorbereitung der Farbrausch-Ausstellung auf Schloss Gottorf

Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf hatte sich entschieden, die monografische Ausstellung „Christopher Lehmpful. Farbrausch“ auch für blinde und sehbehinderte Besucher*innen zum Erlebnisraum zu machen. Das bot sich an, weil dieser Berliner Maler überaus haptisch arbeitet und sich als „malender Bildhauer“ sieht. Das inklusive Angebotskonzept wird auf einer extra Service-Seite vorgestellt.

Das Erfolgskonzept Fokusgruppe

Bemerkenswert an der Entscheidung, eine maximale Zugänglichkeit für blinde und sehbehinderte Ausstellungsbesucher*innen herzustellen, ist nicht nur, dass sie überhaupt getroffen wurde, sondern

  • dass dies schon sehr frühzeitig geschah, nämlich schon zu Beginn der Vorbereitungsarbeiten zur Ausstellung,
  • dass eine engagierte Kunstvermittlerin speziell mit dieser Aufgabe betraut wurde,
  • dass diese die Konzeption mit einer Fokusgruppe aus Expert*innen in eigener Sache erarbeitete,
  • dass zu dieser Fokusgruppe auch mehrere Mitglieder von Andersicht gehörten, welche verschiedene Kompetenzen einbringen konnten und
  • dass die Fokusgruppe kontinuierlich und umfassend den ganzen Vorbereitungsprozess beratend begleiten durfte.

Julia Brunner, die seitens der Kunstvermittlung für die Umsetzung des Inklusionsanspruchs zuständig war, nahm im Sommer 2020 Kontakt auf zu verschiedenen Institutionen und Organisationen, um eine möglichst breite Expertise zu mobilisieren. Dies waren

Seit August 2020 war die Fokusgruppe durch in der Regel monatliche Zusammenkünfte in den gesamten Erstellungsprozess der Inklusionsmaßnahmen einbezogen – zunächst in Präsenzveranstaltungen und dann – pandemiebedingt – per Zoom-Konferenzen, E-Mail-Verkehr und Telefonate. Wichtig für das Gelingen war, dass das Museum und sein Bereich Kunstvermittlung hinter dieser Arbeit standen, dass der Künstler selbst aufgeschlossen war und beteiligt werden konnte. Christopher Lehmpfuhl nahm sich Zeit für ein Video-Gespräch mit der im Schloss Gottorf versammelten Fokusgruppe. Dr. Ingo Borges als Kurator unterstützte die konzeptionelle Arbeit in großer Aufgeschlossenheit.

Zunächst wollte Julia Brunner von der Fokusgruppe wissen, was für die blinden- und sehbehinderten Besucher*innen wichtig ist, um eine umfassende Teilhabe zu ermöglichen. Die dabei zusammengetragenen Aspekte wurden dann in Planungsmodule übernommen.Im folgenden wird auf diese Elemente näher eingegangen.

Audioführung mit Statements des Künstlers, Bildbeschreibungen und Orientierungshinweisen

Screenshot vom eGuide. Zu sehen ist seine Benutzeroberfläche
Screenshot der Benutzeroberfläche des eGuides zur Sonderausstellung Farbrausch © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, www.bildkunst.de

Unstrittig war, dass es einen Audioguide geben musste. Reizvoll war, dass Christopher Lehmpfuhl selbst durch Statements zu den verschiedenen, in der Ausstellung gezeigten Aspekten daran teilnehmen würde. Damit war auch klar, dass die Produktion in Berlin stattfinden musste.

Weitere Komponenten sollten sein

  • Beschreibungen zu ausgewählten Werken und
  • Hinweise für die Orientierung innerhalb des Ausstellungsraums.

Die Gruppe setzte als Prämisse, dass es zu jeder Station auch eine Werkbeschreibung geben sollte.

Mit der Studioproduktion wurde auf Empfehlung von Andersicht Anke Nicolai beauftragt. Sie hätte auch Autor*innen für die Audiodeskription vermitteln können, doch hatten wir diese Kompetenz bereits selbst an Bord. Anke Nicolai gehörte schon in den 2000er Jahren zum Nordteam der Filmbeschreiber um Hela Michalski. Hela Michalski (auch stellv. Vorsitzende von Andersicht) gehört zum Fokusteam. Die blinde Hörfilmautorin hat die Werkbeschreibungen für diesen Audioguide gemeinsam mit Julia Brunner erarbeitet, für die das, wie sie mehrfach und begeistert sagte, eine sehr wichtige Berufserfahrung wurde. Hier als Kostprobe eine der so entstandenen Bildbeschreibungen.

Beschreibung zum Gemälde „Selbst mit Spiegel“ von Christopher Lehmpfuhl. Beschreiberinnen: Hela Michalski und Julia Brunner.

Der ganze, sehr hörenswerte Audioguide kann bis zum Ende der Ausstellung hier abgerufen werden.

Eine Frage, die wir frühzeitig aufwarfen und mit den Erfahrungen von Andersicht auch umfassend ausleuchten konnten, war die nach der medialen Verfügbarkeit des Audioguides. Das Museum wollte eine Web-Applikation, also einen Guide, der mit jedem auf PCs, Tablets und Smartphones verwendeten Browser benutzt werden kann. Uns war wichtig, dass dieser gut bedienbar sein müsste in

  • Nutzbarkeit aller enthaltener Informationen und Bedienelemente auch per Screenreader – im Falle des am weitesten unter blinden Nutzern verbreiteten iPhone ist das VoiceOver;
  • einfache, nachvollziehbare Struktur der Benutzeroberfläche;
  • leichte Auffindbarkeit und Aufrufbarkeit des eGuides.

Länger diskutiert wurde die alternative Aufrufbarkeit der einzelnen Stationen des Rundgangs per QR-Code. Hierfür wurde dann in Konsultation mit weiteren Praxispartnern eine leicht nachvollziehbare Umsetzung gewählt. Die QR-Codes wurden auf dem Fußboden rechts neben lang gestreckten Aufmerksamkeitsfeldern im taktilen Bodenleitsystem so aufgebracht, dass sie mit der Kamera des Smartphones erkannt werden, ohne dass es nötig wird, genau auf ein kleines Code-Feld zu zielen. Das funktioniert auch tatsächlich.

Langes Aufmerksamkeitsfeld im Bodenleitsystem. Daneben QR-Code für eGuide
Aufmerksamkeitsfeld im Bodenleitsystem. Daneben QR-Code für den E-Guide © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, www.bildkunst.de

Wir drängten sehr darauf, die angebotene Browser-App rechtzeitig blind testen zu können. Das erwies sich als unbedingt richtige Vorkehrung. Tatsächlich gab es Nachbesserungsbedarf.

Zwar ist die Benutzung des Smartphones unter blinden Menschen als Kulturtechnik sehr weit verbreitet und wird recht gut beherrscht. Uns war es dennoch wichtig, eine Alternative anbieten zu können, die noch einfacher zu handhaben ist. Inzwischen hat die Nutzung von Hörbüchern einen hohen Standard erreicht. Hörbüchereien bieten sie an als Bestellung per Download. Diese gemeinnützigen Hörbüchereien sind organisiert in der Mediengemeinschaft für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen e. V. (Medibus). Unser Ansprechpartner dabei war die Norddeutsche Blindenhörbücherei mit Sitz in Hamburg. Weil die Inhalte schon vorhanden waren, hielt sich die Nachbearbeitung in Grenzen. Die DAISY-Struktur war noch drüber zu leben, also eine Indexierung und Hierarchisierung für eine Navigation zwischen Überschriften verschiedenen Ebenen und sogar einzelnen Sätzen. Das ist mittlerweile mit maschineller Unterstützung zu machen.

So ein DAISY-Hörbuch kann übrigens auch mit einfachen MP3-Playern benutzt werden. Der Audioguide zur Christopher-Lehmpfuhl-Ausstellung wurde also ganz rasch als DAISY-Hörbuch aufbereitet und durch die NBH als ZIP-Archiv zum Download bereit gestellt. Wir können uns vorstellen, dass derartige Audioguides künftig ins reguläre Ausleihverfahren per Katalog einbezogen werden.

Orientierungskonzept mit Bodenleitsystem, akustischen Wegbeschreibungen und taktilen Lageplänen

Neben der Zugänglichmachung inhaltlicher Informationen ist die Orientierung das zentrale Thema bei einem Ausstellungsbesuch blinder bzw. hochgradig sehbehinderte Besucher*innen. Innerhalb der Ausstellung ist es hilfreich, wenn sich blinde Menschen selbständig bewegen können. Entweder sie kommen ohne sehende Begleitung oder sie möchten selbstbestimmt durch die Ausstellung gehen und ihrer Begleitung auch mal einen Freiraum geben.

Bodenleitsystem

Weil wir immer auch überlegen, wie sich der Nutzen von Spezialmaßnahmen im Sinne eines Designs für alle maximieren lässt, brachten wir mit Erfolg den Vorschlag ein, die Verlegung eines Bodenleitsystems mit dem Orientierungsbedarf für die Gesamtheit der Besucher*innen zu verknüpfen. Die Idee war, die Leitstreifen so zu verlegen, dass sie auch als Abstandsempfehlung zu den Kunstwerken zu verstehen sind.

Orientierungshinweise für blinde Ausstellungsbesucher*innen

Nun machen Leitlinien an sich keinen Sinn, wenn wir nicht wissen, wohin genau sie uns führen sollen. Diese Informationen wurden in den Audioguide integriert. Hier daraus zwei Beispiele. Zunächst die Überblicksbeschreibung, die den blinden Besuchern eine räumliche Vorstellung vom Gebäude vermittelt.

Aus dem Audioguide zur Sonderausstellung „Farbrausch“. Beschreibung der Reithalle von Schloss Gottorf

Nachdem zu jeder einzelnen Station die Werkeinführung von Christopher Lehmpfuhl und die Audiodeskription zu einem ausgewählten Kunstwerk zu hören waren, folgt jeweils ein Orientierungshinweis, der hilft, zur nächsten Station zu gelangen. Dafür hier ein Beispiel.

Orientierungshinweise für den Weg von Station 1 zu Station 2

Wegbeschreibungen

Zum Servicepaket, das wir gemeinsam schnürten, gehören auch Hinweise für die Anreise. Hierbei kam es uns darauf an, dass möglichst alle wesentlichen Optionen berücksichtigt würden:

  • Die Zielgruppe ist differenziert in blinde Besucher*innen, die allein reisen oder in Begleitung;
  • Blinde Besucher*innen, die sich mit dem Langstock orientieren oder mit einem Führhund unterwegs sind;
  • Besucher*innen, die mit der Bahn anreisen und dann mit dem Bus zur Schlossinsel fahren;
  • Reisende, die vom Bahnhof ein Taxi bevorzugen;
  • Menschen, die mit einem Auto auf die Schlossinsel gebracht werden.

Die Wegbeschreibungen hat dann ein Team von Andersicht e. V. erstellt. Es bestand aus dem sehenden Rehabilitationslehrer Karl Elbl und dem blinden Stockgänger Jürgen Trinkus.

Nach gemeinsamer Geländeerkundung haben sich Karl Elbl und Jürgen Trinkus vor der Reithalle unter das Ankündigungsschild der Au7sstellung gestellt
Karl Elbl und Jürgen Trinkus vor dem Ausstellungsrt Reithalle

Andersicht hat schon zahlreiche Wegbeschreibungen gestellt und gehen auf dieses Thema in einem gesonderten Beitrag ein.

Tastobjekte und Mitmach-Angebote

Tastobjekte

Das Budget sah vor, zwei Bildwerke in tastbare Objekte umzusetzen. Die Fokusgruppe entschied in einer gründlichen Diskussion, welche Werke umgesetzt werden sollten. In der Diskussion spielte eine wesentliche Rolle, welche prägenden Momente aus Lehmpfuhls Exponaten sollen sinnfällig gemacht werden und welche eignen sich dafür. Expressivität und Gestaltungstechniken sollten fühlbar werden. Es war klar, dass dies nur möglich wird, wo vereinfachende Darstellungen vertretbar und zielführend sind und bei der Umsetzung ein Maximum an Gestaltungsmomenten vermittelt werden kann.

Die Entscheidung fiel für ein Werk aus dem Bereich der Berglandschaften und eines aus den Stillleben.

Die Aufträge wurden dann ausgeschrieben und die Bewerbungen zweier Agenturen wurden durch die Fokusgruppe diskutiert. Als die Entscheidung für Inkl. Design gefallen war, wurden die Umsetzungskonzepte in einer Videokonferenz mit der Agentur diskutiert. Anregungen und Wünsche aus der Gruppe fanden Eingang in die schließliche Gestaltung der ausgewählten Objekte.

Die Audiodeskriptionen zu den Tastobjekten verdeutlichen, worauf es ankam.

Beschreibung zum Tastmodell Glockner-Duett
Das Tastmodell zum Gemälde Glockner-Duett
Tastmodell „Glockner-Duett“ in der Christopher-Lehmpfuhl-Aussellung „Farbrausch“, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, www.bildkunst.de

Besonders intensiv hat sich die Fokusgruppe mit dem Tastmodell Gläser-Stillleben auseinandergesetzt, ging es doch darum, Perspektive handgreiflich zumachen. Das ist ein besonders schwieriges Ding für Früherblindete, die nicht auf eigene Seherfahrung zurückblicken können.

Beschreibung zum Gläser-Stillleben
Tastmodell Gläserstillleben von christopher Lehmpfuhl in der Sonderausstellung „Farbrausch“ © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, www.bildkunst.de

Der Mitmach-Raum

Das Landesförderzentrum Sehen war direkt beteiligt durch die zwei Kunsterzieherinnen und Sonderschulpädagoginnen im Ruhestand Barbara Wolter und Susann Lokatis-Dasecke. Im Jahr 2008 erschien ihr Standardwerk „Gemeinsam kreativ: Integrativer Kunstunterricht mit blinden Schülerinnen und Schülern“ bei der Edition Bentheim. Ihr Beitrag zur Lehmpfuhl-Ausstellung war vor allem die Gestaltung eines Mitmach-Raums. Darin wurden Formen und Farben aus den Gemälden der Ausstellung tastbar gemacht, sodass sich interessierte Besucher*innen mit dieser anderen Wahrnehmungsweise auseinandersetzen können und die Möglichkeit zu eigenen Tast-Erfahrungen bekommen.

Barbara Wolter im Mitmachraum erklärt Jürgen Trinkus ein Tastbild

Weitere Handreichungen für die Besucher*innen

Blick auf die Broschüren und den Lageplan
Ausleihbare Broschüren und Lagepläne für blinde und sehbehinderte Besucher*innen

Blinde Ausstellungsbesucher*innen können mit ihren Tickets auch eine kleine Übersichtsbroschüre in Brailleschrift und einen Lageplan für die Schlossinsel und das Ausstellungsgebäude Reithalle erhalten. Die Infobroschüre gibt es auch im Großdruck. Die Braillebroschüre wurde vom Blindeninformationszentrum BLIZ des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins Hamburg gedruckt. Der Lageplanwurde von Inkl.Design entworfen und im Landesförderzentrum Sehen als Schwellkopie vervielfältigt.

Personalschulungen

Der Umgang mit blinden oder hochgradig sehbehinderten Ausstellungsbesucher*innen ist für freie und feste Museumsmitarbeiter nicht unbedingt alltäglich.

Sowohl Andersicht als auch der BSVSH boten solche Schulungen an, die von den festen und freien Museumsmitarbeiter*innen auch genutzt wurden.

Solche Schulungen helfen sehr wesentlich, Unsicherheiten im Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen abzubauen.

  • Wie spreche ich eine Person an, die mich nicht sieht?
  • Wie erkläre ich einen Raum einen Weg?
  • Wie begleite ist nichtsehende Menschen durch eine Tür, über eine Treppe zu einem Objekt?
  • Wie stelle ich Körperkontakt zu einem Objekt her, was ertastet werden kann?

Diese und viele weitere Fragen werden vom erfahrenen und bewährten Andersicht-Schulungsteam Dolle/Lossmann in Verbindung mit viel Wissenswertem über Blindheit und Sehbehinderung in praktischen Übungen vermittelt, was unter Pandemie-Bedingungen leider nur sehr eingeschränkt möglich war.

Ein kleines Fazit

In die inklusive Gestaltung der Christopher-Lehmpfuhl-Ausstellung ging eine Vielzahl von Leistungen ein, die gründlich mit Expert*innen in eigener Sache besprochen und auf deren Bedürfnisse hin optimiert wurden. Auch bei der Wahl der Dienstleister wurden Ratschläge aus der Fokusgruppe dankbar geprüft und oft auch berücksichtigt. Dank der Kontakte und Erfahrungen mehrerer Fokusgruppenmitglieder darf am Ende resümiert werden, dass auch alle Leistungserbringer gute Arbeit lieferten.

Das Ergebnis der Arbeit kann sich sehen, hören und fühlen lassen.

Zusammenfassender Bericht vom Workshop „Taktile Anschauungsmittel in der Kunstvermittlung für blinde und sehbehinderte Ausstellungsbesucher*innen – Bewährtes und Innovatives“

Der Workshop wurde von der Kunsthalle Kiel ausgerichtet, gemeinsam mit Andersicht e. V. vorbereitet und am 28.10.2020 durchgeführt. Teilgenommen haben Mitarbeiter*innen mehrerer Museen aus Schleswig-Holstein. Die Teilnahmezahl war durch die aktuellen Infektionsschutzregeln auf 19 Personen beschränkt.

Zielstellung und Grundidee

An ausgewählten Werken sollte erfahrbar werden, wozu der Tastsinn in der Lage ist, wo seine Grenzen sind und mit welchen Methoden und Techniken dennoch eine gelungene Kunstvermittlung für diejenigen Menschen gelingt, für die Kunst nicht mit eigenen Augen zugänglich ist.

Damit dies keine rein theoretische Veranstaltung wurde, stellten sich drei blinde Mitglieder von Andersicht als Adressat*innen der Vermittlung zur Verfügung. Die sehenden Teilnehmer*innen gruppierten sich je zu fünft um diese tastsinnigen Akteur*innen.

Struktur, Kontur, Textur – Bilderschließung mit Hilfe von Schwellkopien

Als Referent des Vormittags wurde der Kunsthistoriker M. A. Philipp Schramm gewonnen. Corona-bedingt musste seine Anreise entfallen. So war er online aus Bamberg zugeschaltet. Seinen Part stellte er unter die Überschrift „Struktur, Kontur, Textur“. Seit ca. 8 Jahren veranstaltet er auch Ausstellungsführungen für Menschen ohne eigenes Sehvermögen. Hierfür bereitet er u. a. ausgewählte Gemälde tastsinnig auf.

Als flexibles Medium hierfür haben sich die sog. Schwellkopien bewährt. Zu ihrer Herstellung wird ein Spezialpapier benutzt, das in seiner Oberflächenbeschichtung Partikel enthält, die sich unter Wärmeeinwirkung ausdehnen. Werden Grafiken darauf gedruckt, kann der Hell-Dunkel-Kontrast der Vorlage mit Hilfe eines Spezialkopierers, einer Art Heißmangel in tastbare Texturen verwandelt werden.

Philipp Schramm begann damit, ausgewählte Gemälde zu beschreiben. Dabei führte er seine blinden Zuhörer*innen so, dass sie mit ihren Händen gezielt die Kopien erschlossen.

Folgendes Foto, zeigt das Ertasten der Schwellkopie.

Seitliche Ansicht eines Mitglieds von Andersicht. Die Person ertastet die Schwellkopie zum Gemälde "Russischer Wald" von Iwan Iwanowitsch Schschkin
Ertasten einer Schwellkopie zum Gemälde „Russischer Wald“

Einige Erkenntnisse konnten die zuschauenden Kulturvermittler*innen dabei beobachtend gewinnen.

  1. Physiologische Eigenheit des Tastsinns. Bilder mit den Händen zu erschließen, funktioniert grundsätzlich anders als das visuelle Betrachten. Geht das Auge von der Gesamtschau in die Details hinein, muss die tastende Hand sich das Bild Stück für Stück, Punkt für Punkt, Strich um Strich aufbauen, wobei im Kopf die Momente zum Ganzen zusammengesetzt werden müssen.
     
  2. Individuelle Vielfalt der taktilen Wahrnehmung. Blinde Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungshorizonte ein. Für diejenigen, die als Kleinkind erblindeten, fehlt die Erfahrung perspektivischen Sehens, von Licht und Schatten, Spiegelungen und Farbnuancen. Auch ist der Tastsinn von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt. Nicht alle Nutzerinnen sind taktil affin.

  3. Einsatz gut dosieren! Das Mittel der taktilen Veranschaulichung darf nicht überladen werden mit unrealistischen Erwartungen. Das unter 1. und 2. Genannte hat zur Folge, dass die Tastkopie auf ihren Zweck hin optimiert werden muss. Die Darstellung ist auf Wesentliches zu reduzieren. Was die Kopie selbst nicht aussagt, wird durch die Beschreibung (Deskription) eingebracht.

  4. Einsatz taktiler Anschauungsmittel im Dialog mit den blinden Rezipienten! Die taktile Darstellung ist also kein Wunderwerkzeug sondern ein probates Hilfsmittel unter anderen. Sie ist gut geeignet in der Arbeit mit kleinen Gruppen blinder bzw. hochgradig sehbehinderter Menschen, denn die Abbildungen lassen sich mit vertretbarem Aufwand reproduzieren.

Struktur: Wie werden Tastkopien für Schwellpapier erstellt?

Philipp Schramm führte vor, wie er mit Hilfe einer Software zur Bildbearbeitung eine digitale Vorlage schrittweise modifiziert. Für den Workshop bereitete er eine Auswahl von 13 Tastkopien unterschiedlicher Sujets vor. Das Themenfeld reichte von der Landschaftsdarstellung des Realismus über expressionistische Portraits bis zum abstrakten Expressionismus und der neuen Figuration nach 1945. Die unterschiedlichen Themen und Techniken bedingten unterschiedliche Herangehensweisen. Gemeinsam ist allen Bearbeitungen die interpretatorische Verdichtung auf elementare Strukturen. Jene Inhalte, die bei der Interpretation in den Mittelpunkt gerückt werden, sollten auf der Tastkopie nachvollziehbar gemacht werden. Bildinhalte, die der taktilen Erschließung des Erzählungskernes hinderlich sein könnten, werden aus der Tastvorlage entfernt und werden in der Deskription als ergänzende Information nachgereicht.

Am Beispiel des Gemäldes „Frau und Kind“ von Erich Heckel (1861–1949) zeigte der Referent, wie er mit einem Bildbearbeitungsprogramm den Bildhintergrund entfernt und Details der Kleidung und der figürlichen Schilderung modifiziert, damit sie auf der Tastkopie eine taktil erfahrbare Information ermöglichen. Dabei werden Konturen verstärkt und betont. Die Flächengestaltung wird teils als Textur übernommen, teils überarbeitet oder gelöscht.

Die Tastkopie ist keine künstlerische Reproduktion, sondern ein Hilfsmittel für die Kunstvermittlung. Sie ist verbindlicher als eine freie Nacherzählung, weil sie die Komposition der Vorlage berücksichtigt und auf ihr aufbaut. Mit überschaubarem Aufwand an Zeit und Materialeinsatz gefertigt bietet sich die Tastkopie auf Schwellpapier als eine günstige und rasch verfügbare Handreichung zu einem inklusiven Kunsterlebnis vor dem Original an.

Sehr wichtig: die Tastkopien zu Gemälden oder Grafiken sind selten selbsterklärend. Sie bedürfen der begleitenden Interpretation. Sie können blinden und sehbehinderten Nutzer*innen auch Nachfragen erleichtern, wenn sie auf taktile oder inhaltliche Unschlüssigkeit stoßen. Auf diese Weise kann die Tastkopie Dialoge vor dem Objekt begünstigen und zu einem intensiven Kunsterlebnis beitragen.

Auf Nachfrage von Workshop-Teilnehmenden an die blinden Mitglieder von Andersicht erklärte Jürgen Trinkus, welche Bedeutung die taktile Erfahrung für ihn hat. Das Bild, das mit Hilfe der Kunstvermittler*innen in seinem Kopf entsteht, wird mit Hilfe der Tastkopie verankert, geerdet, erhält einen gegenständlichen Rahmen.

Während einer Ton-Bild-Störung stellte Karl Elbl eine Alternative zur Arbeit mit fototechnisch vorbereiteten Schwellkopien vor. Mit Hilfe spezieller Marker können auf dem Spezialpapier Zeichnungen skizziert werden. Der Blindenpädagoge fertigte vor Ort eine Zeichnung an, die umgehend im mitgebrachten Fuser tastbar gemacht wurde.



Bildbeispiel – Reduktion eines Gemäldes für eine Schwellkopie

Iwan Iwanowitsch Schischkin, Im russischen Wald, 1896, Öl auf Leinwand, 139 x 96 cm

Hier ist eine Abbildung des Originalgemälde von Schischkin. Es zeigt eine Waldlandschaft. Beim Betrachten scheinen wir mitten in diesem Wald zu stehen. Ein Stück vom Himmel ist nicht zu erkennen. Die Ränder des Bildes sind mit emporragenden Tannen gesäumt. In der Mitte liegt ein Baumstamm, der vertikal in das Bild hineinführt. Der Stamm und der Waldboden sind mit Efeu bedeckt. Die Farbe Grün dominiert in verschiedenen Schattierung. Die Abbildung zeigt die Zwischenstufe der Reduktion des Gemäldes. Noch sind etliche Details im Bild, die weiter vereinfacht werden müssen.Die Abbildung zeigt die finale Reduktion des Gemäldes, die für den Druck der Schwellkopie verwendet wird. gg

Wie können interessierte Kunstvermittler*innen zu Schwellkopien kommen?

Schwellkopien werden seit ca. 40 Jahren in der Blindenpädagogik und im Orientierungsunterricht durch Rehabilitationslehrer eingesetzt. Rehabilitationslehrer*innen für blinde und sehbehinderte Menschen verfügen meist über eigene Fuser und das Spezialpapier. Welche Kolleg*innen dafür ansprechbar sind, kann beim Berufsverband der Rehabilitationslehrer/-lehrerinnen für Blinde und Sehbehinderte e. V. erfragt werden.

In Schleswig-Holstein ist das LANDESFÖRDERZENTRUM SEHEN, SCHLESWIG der Kontakt für pädagogische Fragen und Hilfsmittelnutzung. Auch dort gibt es Fuser.

Philipp Schramm selbst schafft seit 8 Jahren regelmäßige Begegnungsmöglichkeiten für blinde und sehbehinderte Menschen mit Kunst und nutzt seither auch das Mittel der Tastkopie. Er lässt seine Vorlagen drucken beim BIT-Zentrum – Barrierefreie Medien für blinde und sehbehinderte Menschen in München.

Neben seiner wissenschaftlichen und kuratorischen Tätigkeit im Iwalewahaus an der Universität Bayreuth bietet er seine Kompetenzen auch freiberuflich an.  

Für Ausstellungen stellt Philipp Schramm Tastkopien in Form eines Ordners bereit. Auf der Vorderseite je eines eingehefteten Blattes befindet sich eine Tastkopie und auf der Rückseite eine Erläuterung in Brailleschrift. Vertiefende und deskriptive Audio-Informationen können mit einem Ting-Stift abgerufen werden.

Auf Nachfrage erklärte er, dass für die Gruppenarbeit mit Tastkopien eine Gruppengröße von 3-5 tastenden Personen ein Optimum darstellt. Aber das ist eine Frage der Gruppendynamik; unter Umständen ist auch die Arbeit mit bis zu 10 Teilnehmenden möglich.

Bei Führungen über 90 bis 120 Minuten hat es sich als günstig erwiesen, sich auf max. 5 Kunstwerke zu beschränken bzw. zu konzentrieren. Pro Objekt veranschlagt Philipp Schramm ca. 15-20 Minuten. Mit wiederkehrenden Gruppen zu arbeiten, verkürzt Erschließungswege.

Karl Elbl zeigte kurz das Buch „Gemeinsam kreativ : Integrativer Kunstunterricht mit blinden Schülerinnen und Schülern„, veröffentlicht 2002. Die Autorinnen Susann Lokatis-Dasecke und Bärbel Wolter sind Kunsterzieherinnen im Ruhestand, die als Blinden- und Sehbehindertenpädagoginnen für das Landesförderzentrum Sehen integriert bzw. inklusiv beschulte blinde und sehbehinderte Schüler*innen und deren Lehrkräfte in Schleswig-Holstein  begleitet haben und mit ihrem Buch vielfältige Handreichungen lieferten. Besagtes Buch spielte auch eine Rolle für die Referenten des Nachmittags.

Tast-Hygiene im Umgang mit Tastkopien

Die Fragen der Hygiene stellten sich auf aktuellem Hintergrund auch in diesem Workshop. Tastkopien auf Schwellpapier können mehrfach eingesetzt werden und haben bei angemessener Lagerung auch eine relativ lange Haltbarkeit. Da das Trägerpapier von einer thermoplastischen PVC-Schicht bedeckt ist, können Tastkopien bedenkenlos mit Flüssigkeiten gereinigt werden. Dabei empfiehlt sich der Einsatz von Seifenlaugen, bzw. Schmierseife. Mit Seifen lässt sich dem Corona-Virus begegnen, ohne dabei den schwarzen Toneraufdruck zu entfernen.

Vorsorglich können die Tastkopien mit einem Sprühfirnis behandelt werden. Dabei wird die Kopie von einer feinen Schicht aus Kunstharz bedeckt, was sich günstig auf die Haltbarkeit auswirken kann, ohne das Tasterlebnis einzuschränken.


Kleingruppenarbeit vor den Gemälden

Am Nachmittag wurden drei Gruppen gebildet. Je mit einer blinden Person und ausgestattet mit je einer Tastkopie ging es in die Ausstellungsräume zu den originalen Gemälden. Hier konnten die Gruppen eigene Erfahrungen sammeln mit der Erschließung der Kunstwerke unter Nutzung der taktilen Veranschaulichungsmittel.

Plastische Werke aus der Antikensammlung der Kunsthalle mit Handschuhen erfühlt

Im weiteren Verlauf des Workshops ging es um plastische Reliefs und Skulpturen. Hierfür stellte die Antikensammlung der Kunsthalle zu Kiel ausgewählte Stücke aus ihrer Sammlung von Abgüssen zur Verfügung.

Auch hier zeigte sich, dass eine Erschließung allein mit fühlenden Händen ein mühseliger doch eindrucksvoller Prozess ist.

Sofern plastische Kunstwerke überhaupt betastet werden dürfen, kommen aus hygienischen Gründen und wegen der Materialschonung Handschuhe zum Einsatz. Darum diente dieser Teil des Workshops auch der Sammlung von Erkenntnissen darüber, welche Handschuhe geeignet sind und welche eher nicht. Zu vergleichen waren hier dünne textile Handschuhe und solche aus Latex.  

Wichtig ist, dass die Handschuhe möglichst dünn sind. Das macht es möglich, der Formsprache des Objektes nachspüren zu können. Was der Handschuh verhindert ist das Gefühl für das Material selbst. Diese vermittelt sich zum einen über Feinheiten in der Textur (z. B. Maserungen oder Politur) aber vor allem über das unterschiedliche Wärmeleitvermögen von Holz, Metall, Stein oder Keramik. Das kann durch die Handschuhe hindurch nicht wahrgenommen werden.

Da in Museen der Einsatz von weißen Trikothandschuhen beim Umgang mit Originalen ohnehin die Regel ist, können jene Erzeugnisse aus Baumwolle, die von Restaurator*innen und Kurator*innen verwendet werden, auch für tastkompetente Besucher*innen angeboten werden. Die schwere Qualität kommt in Museen eher selten zum Einsatz, da für den sicheren Umgang mit den Objekten auch ein gutes Gespür für das Material von Nöten ist. Aus dem gleichen Grund ist leichten Trikothandschuhen auch für die tastende Begegnung mit der Kunst der Vorzug zu geben. Weil kleine Hände in große Handschuhe, große Hände aber nicht in kleine Handschuhe passen, empfiehlt es sich, zumindest die Größen L bzw. XL vorzuhalten. Auch übergroße Handschuhe können das Tasterlebnis erheblich beeinträchtigen. Wenn also zudem die Größe M vorrätig ist, wäre für fast alle Eventualitäten gesorgt.

Zwei der drei Tastpersonen waren der Meinung, mit dem Latex in ihren Tasterfahrungen weniger eingeschränkt zu sein. Alle waren sich aber darin einig, dass sich die Latexfabrikate nicht angenehm tragen, weil die Hand darin ins Schwitzen kommt. Da der Kontakt mit Latex bei nicht wenigen Menschen Allergien auslöst, ist von diesem Material auch aus gesundheitlichen Erwägungen abzusehen. Überall dort, wo Handschuhe aus Kunststoff zum Einsatz kommen, haben sich aus diesem Grund mittlerweile Nitril und Vinyl als Alternativen durchgesetzt. Nitril hat gegenüber Vinyl wiederum den Vorzug der höheren Elastizität, es reißt nicht so leicht ein und vermittelt ein authentischeres Tasterlebnis. Im Fachhandel sind Nitrilhandschuhe in allen Größen und verschiedenen Farben erhältlich. Fällt die Wahl auf Einmalhandschuhe aus Kunststoff, sollten auch hier mindestens zwei Größen, M und L, bzw. XL, bereitgehalten werden.

Folgende Fotos zeigen das Ertasten von Objekten mit verschiedenartigen Handschuhen

Das Foto zeigt frontal ein Mitglied von Andersicht an einem Tisch sitzend und ein Relief erstastend. Die linke Hand trägt einen Baumwollhandschuh, während die rechte Hand in einem Latexhandschuh steckt.
Das Foto zeigt eine Rückansicht eines Mitgliedes von Andersicht an einem Tisch stehend und eine männliche Büste erstastend.

 

Taktiles Design aus Lübeck – Einsatzmöglichkeiten für den 3D-Druck

Der Workshop wurde abgerundet durch die Präsentation von Möglichkeiten, den 3D-Druck für die Kunstvermittlung zu nutzen. Dazu waren als Referenten Sylvia Goldbach und Eric Bahr aus Lübeck gekommen. Gemeinsam gründeten sie Taktilesdesign.

Sie haben sich zum Ziel gestellt, die Möglichkeiten des 3D-Drucks für die blindengerechte Darstellung von Objekten nutzbar zu machen, die sich im Original nicht tastend erschließen lassen. Im Unterschied zu Schwellkopien und Reliefs, die im Vakuum-Tiefziehverfahren hergestellt werden, kann auch bei der haptischen Darstellung zweidimensionaler Werke wie Landkarten oder grafischen Werken mit einer höheren Plastizität gearbeitet werden. Es können mehrere stoffliche Materialien in ein und derselben Kopie eingesetzt werden und die Textur lässt viele Spielräume.

Durch eine differenzierende Formensprache der Textur und die Verwendung verschiedenartiger Materialien wollen Sylvia Goldbach und Eric Bahr insbesondere auch Farben fühlbar machen.

Mitgebracht hatten sie den Prototyp ihres Farbkompasses. Auf einer runden Scheibe sind auf einer Seite vier und auf der anderen drei Farben durch haptische Symbole dargestellt. Die Workshop-Teilnehmer bekamen Gelegenheit, verschiedene Objekte aus dem bisherigen Entwicklungsprozess von Taktilesdesign in die Hand zu nehmen, um zu erleben, wie die Vielfalt in Material, Textur und Profil den Tasthorizont erweitern kann.

Folgende Fotos zeigen Beispiele des Farbkompasses

Das Foto zeigt eine Auslage verschiedener Materialien der Firma Taktiles Design auf einem Tisch. Auf dem Foto sind die diversen Oberflächenstrukturen für die jeweiligen Farben teilweise zu erkennen.
Hier ist Eric Bahr von Taktiles Design zu sehen, der mit Jürgen Trinkus von Andersicht das Modell des Farbkompasses diskutiert.

Grundlinien der Andersicht-Projekte und ihre Vielfalt

Andersichtige Projektarbeit hat in der kurzen Zeit der Vereinsgeschichte eine große Vielfalt erreicht. Dabei geht es um die Übertragung visueller Angebote in gesprochenes Wort und in anfassbare Abbildungen. 

Unsere bisherigen Einsatzorte sind Landschaften, Museen, Theater, Kinos und touristische Dienstleister. In unseren Angeboten bemühen wir uns, die technischen Möglichkeiten in einer nutzbaren Form zu erschließen: 

  1. Einsatz der Audiodeskriptio;
  2. Erstellung von Tastreliefs, die wir inzwischen auch zum Sprechen gebracht haben;
  3. Umsetzung schriftlicher Texte in verfügbare Audio-Informationen;
  4. Entwicklung von Fortbildungsangeboten und
  5. Impulse zum Design für alle.

Warum wir auf den Hörstift setzen

Andersicht folgt dem Leitgedanken „Ich höre und fühle, was Du siehst.“ Für den Ausstellungs- und Museumsbereich bedeutet dies, dass ein rein visueller Zugang zu den Exponaten nicht genügen kann. Museen sollen mehrsinnig erlebt werden können.

Moderne Präsentationskonzepte bemühen sich im Allgemeinen schon sehr um die Einbeziehung von Hörerlebnissen und – besonders in der Museumspädagogik für Kinder und Jugendliche – auch um haptische Erfahrbarkeit. Solche Angebote werden in der Regel als Ergänzungen entwickelt, jedoch nur selten im Sinne einer durchgängigen Zugänglichmachung für Menschen, die sich nicht auf ihre visuelle Wahrnehmung stützen können.

Konventionelle Audio- und Multimediaguides stellen zwar durchgängige Hörbegleitung für ganze Ausstellungen bereit, wir können die Mehrheit von ihnen aber kaum als technisch niederschwellig einstufen. Das Abrufen von Auditiven Begleitinhalten setzt eine Interaktion voraus, bei der der Benutzer dem Gerät klar machen muss, zu welchem Objekt er gerade Informationen haben will.

Ein niederschwelliger Ansatz liegt vor, wenn der Besucher nichts weiter tun muss, als sich dem Objekt zu nähern und mit einem Sensorstift ein Label mit einem Code zu berühren.
Unser Versuch mit einer RFID-Technik

Im Jahr 2009 hatte Andersicht die Gelegenheit, die gesamte Dauerausstellung des Nordseemuseums in Husum mit einer Audioführung zu versehen. Wir arbeiteten dazu mit der Marburger Firma Dräger & Lienert, die das System TagItGuide entwickelt hatte.

An den Eingängen zu den Räumen, an Objektgruppen und Objekten waren gut auffindbar Labels mit RFID-Chips platziert.

Die Idee des Systems war attraktiv. Berührt der Nutzer das Label mit dem Stift ein erstes Mal, erfährt er den Namen des Objektes. Tippt er es ein zweites Mal an, werden inhaltliche Details präsentiert. Will man weitere deskriptive Informationen bekommen, tippt man ein drittes Mal.

Wird eine Objektgruppe erstmals kontaktiert – egal an welchem Objekt – gibt es eine Einführung zum Bereich.

Zusätzlich wurden Orientierungs-Tags angebracht, die blinden Besuchern Hinweise zur Fortsetzung des Weges liefern.

Eine historische Darstellung des Projektes

Die technische Umsetzung hat sich als kaum praxistauglich erwiesen. Gründe und Problemfelder, die nicht aus dem Weg geräumt werden konnten, sind folgende:
Der Sensorstift war an einen tragbaren Kleincomputer angeschlossen. Neben diesem Kabel musste auch noch ein Kopfhörer angeschlossen werden. Das war eine recht umfangreiche Behängung und Bekabelung.

Am Minicomputer konnte es leicht zu Fehlbedienungen kommen. Wurde das Gerät unsachgemäß bedient oder im Depot nicht regelmäßig aufgeladen, wurde ein Systemstart erforderlich, der meist nicht ohne Support durch die Anbieterfirma zu machen war.
Diese Technik verbrauchte mehr Strom als der Akku für einen Rundgang hergab.

Inzwischen ist unser TagItGuide für Husum selbst zum Museumsstück geworden. Die Audioinhalte, gesprochen von Sandra Keck und Jasper Vogt, haben wir bewahrt. Sie können hier heruntergeladen werden!

Unser Hörstift

Präsentation des Hörstifts Bild 2

RFID, QR-Code und Bluetooth haben allesamt das gleiche Problem: sie benötigen aufwändige Hard- und Software. Bei unserer Suche nach Alternativen stießen wir auf den Hörstift, der sehr einfach konstruiert ist, robust gebaut, sehr leicht zu handhaben und reaktionsschnell ist.

Unser Anwendungspartner für diese Technik war zunächst das Multimar Wattforum in Tönning. Wir verwendeten zunächst den als Blindenhilfsmittel gebräuchlichen PenFriend. Fünf Stifte standen mit den deutschen und fünf mit den englischsprachigen Inhalten zur Verfügung.

Wir haben mittlerweile auf den Ting-Stift umgestellt, der eine Multi-Layer-Nutzung ermöglicht, also das rasche Umschalten zwischen verschiedenen Varianten von Informationen zu ein und demselben Objekt.

Audiodeskription

Audiodeskription, auch als akustische Bildbeschreibung oder seltener als Audiokommentierung bezeichnet, ist ein Verfahren, das blinden und sehbehinderten Menschen ermöglichen soll, visuelle Vorgänge besser wahrnehmen zu können. Dabei wird die Handlung mit einem akustischen Kommentar versehen, um sie für das Publikum erfassbar zu machen. Dies kann durchaus auch ohne derartige Einschränkungen hilfreich sein.

Bei Filmen und in Fernsehsendungen ergänzt die Audiodeskription die Untertitelung oder Übersetzung in Gebärdensprache für Gehörlose. Diese Versionen werden dann als Hörfassung und die entsprechenden Filme auch als Hörfilm bezeichnet. Weitere Einsatzgebiete der Audiodeskription sind: Schauspiel und Musiktheater, touristische Angebote wie Stadtführungen, Naturerlebnispfade und Live-Sportereignisse.

Der Begriff wird abweichend von diesem Begriffsverständnis auch in Museen verwendet, in denen die Besucher durch einen im Vorhinein aufgezeichneten Audiokommentar nähere Informationen zu den gezeigten Exponaten erhalten können.

Soweit die Wikipedia-Einleitung. Weitere Details hierzu finden Sie dort.

18.12.2018 Klimadeich Nordstrand

Projektort Nordstrand: ein Klimadeich setzt andersichtige Maßstäbe

Im Rahmen unserer Jubiläumsveranstaltung in Husum am 18.12.2018 konnten wir unter Beteiligung unserer Partner und Akteure auf die Erfolgreiche Gestaltung des Promenadenweges über den Klimadeich von Nordstrand zurückblicken und die nächste Etappe einleiten, nämlich den Audioguide für diesen Weg zu erstellen. Zunächst aber ein lohnender Blick auf das bis hierher Erreichte.

Als wir im Jahr 2011 unser Projekt „Nordstrand Hörbar Gastlich“ realisierten, dachten wir nicht an Klimawandel und seine Konsequenzen. Die Nordfriesen aber hatten die neuen Herausforderungen des Küstenschutzes schon voll im Blick. Sie planten für Nordstrand einen Klimadeich. Der sollte nicht nur der steigenden Flutgefahr einen Riegel vorschieben, der bei weltweit steigendem Wasserspiegel zu erwarten ist. Die Deicherhöhung sollte auch dem Tourismus etwas Neues geben: ein 2,5 km langer Promenadenweg auf der neuen breiten Krone des Klimadeichs. Mit unserem damaligen Projekt haben wir vielleicht gedanklich die Interessen blinder/sehbehinderter Besucher ins Bewusstsein der Auftraggeber gerückt. Sie hatten jedenfalls das Ziel, einen Erlebnisraum für alle Sinne und alle Menschen zu schaffen.

Foto des 3D-Modells des Klimadeichs
Modell des Klimadeichs.
Es gehört zu den Tastreliefs, die auf dem Klimadeich aufgestellt wurden.

Mit der Konzipierung war das Landschaftsplanungsbüro Außenraum in Flensburg beauftragt. Dass dieses unsere Expertise suchte, freut uns, und wir meinen, es hat der barrierefreien Gestaltung gut getan. Jo Agnes Hauck, die uns damals konsultierte, ist auch zu unserem Feiertreff ins Nissenhaus gekommen. Gefragt nach den gesammelten Erfahrungen, die auch für Folgeprojekte berücksichtigt werden sollten, sagt sie:

„In Bezug auf die Freiraumplanung denke ich, dass es eigentlich gar nicht schwer ist, die Belange von Blinden und Sehbehinderten zu berücksichtigen, wenn
A. der Bauherr darauf Wert legt
B. der Bauherr dies von Anfang an als eines seiner Ziele definiert
C. der Planer dieses Ziel kennt und entsprechend berücksichtigt wird.
D. Der Planer sich früh externe Expertise dazu holt.

Vieles ist dann nicht einmal mit Zusatzkosten verbunden, z.B. die Auswahl der Farben für Bodenbeläge und Treppen.

Teile des Blindenleitsystems können gleichzeitig einen praktischen Nutzen haben, z.B. als Randeinfassung der Wege, die sowieso gebraucht werden.

Dort, wo die recht teuren Blindenleitplatten liegen, braucht man kein normales Pflaster, so dass es „nur“ um den Mehrpreis im Vergleich zum normalen Bodenbelag geht.

Informationsmöglichkeiten wie die 3D-Modelle sind auch für Sehende spannend und informativ, hier braucht man nur etwas Fantasie, um die Themen zu finden, die sich gut umsetzen lassen.

Teuer wird es immer dann, wenn im Nachhinein rausgerissen und neu gebaut wird, weil man sich in der Planungsphase zu wenige Gedanken gemacht hat.

Verschriftlichter Beitrag von Jo Agnes Hauck

Nun kommt es darauf an, dass das Leitsystem und die allsinnigen Angebote auch von denen genutzt werden, für die sie geschaffen wurden. Eine Hinführung und Gebrauchsanleitung wollen wir schaffen durch die Ausweitung unseres WattenAudioGuides auf eben diesen Promenadenweg von Nordstrand. Unsere Geburtstagsfeier ist dafür der offizielle Startpunkt.

28.04.2013: Andersichtige Domverhörung zu Worms

Es war einer der interessantesten Aufträge für Andersicht; auch wenn er praktisch folgenlos geblieben ist.

Kurz zur Vorgeschichte

Am 08.10.2012 erreichte uns eine Mail aus Worms. Darin hieß es:

„bei der Durchführung des Festivals „wunderhoeren – Tage alter Musik und Literatur in Worms“ im vergangenen Jahr haben wir feststellen müssen, dass die Akustik im Wormser Dom eine sehr komplexe Angelegenheit ist.  Für das 2. Festival, das vom 1. März bis 15. Juni 2013 stattfindet, ist daher ein Programmpunkt geplant, bei dem das Hören im Dom im Mittelpunkt stehen soll. Das heißt, der Dom (als Gebäude) soll von blinden und sehgeschädigten Menschen, aber auch von Menschen ohne Sehbehinderung mit stillen sowie im bespielten Zustand gehört werden, und zwar möglicherweise von verschiedenen Orten aus, sowohl auf Seiten des Publikums als auch auf Seiten der Seiten der Sprecher und Musiker.“

E-Mail aus dem


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Büro des Oberbürgermeisters

der Stadt Worms

Es hatte Konzertveranstaltungen gegeben, die als misslungen eingeschätzt wurden. Die Ursache wurde wohl zu Recht darin esehen, dass dabei die akustischen Besonderheiten des Wormser Doms nicht beachtet worden waren.

Wir stellten also eine Expertengruppe zusammen, zu der auch kompetente Fachleute gehörten, die nicht Mitglied von Andersicht sind: der blinde Tonmeister und Musiker Reinhard Walter aus Berlin war dabei sowie der Experte für akustische Raumwahrnehmung Dr. Siegfried Saerberg, Vorsitzender von Blinde und Kunst e. V. in Köln. Unser Gastgeber war der Kulturkoordinator der Stadt Worms Volker Gallé. Mit ihm erarbeiteten wir ein Programm, bei dessen Umsetzung wir intensive Begegnungen hatten mit Domkantor Dan Zerfaß, Dompropst Engelbert Prieß sowie dem Bauakustiker Prof. Karl Günter Schwartz.

Der Workshop fand statt in Worms
von Mo. 15. April 2013 17:00 Uhr
bis Do. 19. April 2013 11:00 Uhr.

Die Veranstaltung war Seitens der Stadt Worms hervorragend vorbereitet; weil die Ergebnisse unseres Studienaufenthalts im Kulturbetrieb der Auftraggeber dennoch wohl nicht oder kaum zum Tragen kamen, veröffentlichen wir sie in gekürzter Form an dieser Stelle und geben sie für jegliche Nutzung frei.

Grundfeststellungen

Wir durften ein monumentales Bauwerk kennenlernen, dessen Klangarchitektur herausfordernd interessant ist. Seine Hauptachsen bilden ein anspruchsvolles Ganzes. Seine Teile sind vielfältig in den möglichen Klangwirkungen.

Wir hatten uns mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass die Nutzung des Doms im Mittelalter völlig anders aussah als heute. Dabei gab es kaum den Anspruch, den Dom als akustisches Ganzes zu sehen.

Vorhandene Gebäude-Elemente, die unsere Aufmerksamkeit fanden und uns faszinierten, sind u. a.

  • das nördliche Seitenschiff,
  • die Nikolauskapelle,
  • Hochchor mit anschließender Vierung,
  • die große Orgel, die nach Aussage von Domkantor Zerfaß zwar nicht die größte aller Domorgeln ist, diesen Dom aber füllt, wie kaum eine andere Domorgel den ihrigen,
  • die Kanzel und
  • die Glocken in ihrem, den Raum zum Klingen bringenden Mittagsgeläut.

Der Dom ist ein Klangwunder. Als Stätte katholischen Lebens ist er primär als Raum für Gottesdienste vorgesehen, also nur eingeschränkt für übliche Konzertveranstaltungen nutzbar. Elektronische und bauakustische Regulierungen des Klangs scheinen nur begrenzt in Betracht zu kommen, aber für gottesdienstliche Veranstaltungen ist eine Mikrofon-Lautsprecher-Anlage in Betrieb.

Mittelalterliche Kirchenmusik ist unter Beachtung der Gegebenheiten problemlos aufführbar. Für speziellere musikalisch-literarische Veranstaltungen mit Solisten oder kleineren Ensembles werden von den Domverhörern folgende Räume vorgeschlagen: nördliches Seitenschiff, Ost- und Westchor, Nikolauskapelle, Marienkapelle.

Der Wormser Dom bietet sich an für neue Klangwelterfahrung. Dabei lassen sich der zentrale Raum (Langhaus) oder/und Nebenräume für elektroakustische Installationen nutzen wie auch für Schlagwerkensemble mit vorgegebenen Notierungen. Klangwelten des 21. Jahrhunderts lassen sich gleichfalls auch im Dom erlebbar machen

Stationen und Feststellungen

Stationen der Domverhörung und Feststellungen für Nutzungsmöglichkeiten

Es gibt kein Triforium oder sonst eine Möglichkeit für Publikum, sich über die Grundebene zu erheben. Weil es dem Dom auch an Kellergeschoss und nutzbarem Dachboden fehlt, müssen einige Kapellen als Lagerräume genutzt werden. Eine Nutzung der Krypta kommt nicht in Betrach5t.

Beim Abschluss der  Begehung am 2. Tag haben wir akustisch eindrucksvoll die praktisch ungenutzte Kanzel erlebt. Sie zu betreten, ist derzeit schwierig

Die Nikolaus-Kapelle ist der Ort der alltäglichen Gottesdienste und bietet Möglichkeiten der Nutzung für solche musikalische Aufführungen, die im offenen Raum wegen der langen Laufzeiten der Töne (Hall) nicht gut möglich sind.

Der Westchorwird schon genutzt als Beginn der liturgischen Prozession an Weihnachten und Ostern.

Das Nördliche Seitenschiff wird derzeit nicht genutzt für Hörpublikum, was aber wegen guter akustischer Eignung erwägenswert ist obschon es sehr schmal ist.

Prof. Schwartz hat uns darin bestärkt, den Hörraum erfahrbar zu machen durch Klangsignale, die dafür gezielt eingesetzt werden. Dass wir Kastagnetten und Blockflöte dabei hatten, fand er gut. Durch den Einsatz von Schallquellen ist es möglich, einen differenzierten Raumeindruck zuzüglich Teilräumen zu gewinnen: Mittelschiff, Seitenschiffe, Vierung, Kapellen. Auch eine konzentrierte passive Verhörung des Raumes mit Hilfe der in ihm selbst entstehenden und von außen in ihn dringenden Geräusche ist eine ergänzende Möglichkeit.

Kern unserer Anregung

Wir begreifen den Dom als ein ganzes Ensemble von Aufführungsorten. Anknüpfen kann ein entsprechendes Veranstaltungskonzept an die Erfahrungen der jährlichen Kulturnacht, wo es musikalische Performances gab, bei denen die akustischen Möglichkeiten des Doms an wechselnden Plätzen durch kleine Ensembles zur Wirkung gebracht wurden.

An Aschermittwoch abends wird das Miserere von Allegri unter Nutzung des ganzen Raumes aufgeführt.

Bei den Domkonzerten im Hochchor muss ein Teil der Besucher unten im Mittelschiff sitzen, konnten aber lt. Dompropst Prieß auch dort sehr gut hören.

Weitere konkrete Anregungen

Worte von der Kanzel. Zugänglich gemacht wurde uns die Kanzel. Von ihr aus ist eine klare, gut verständliche Ansprache möglich.

Erlebnis Mittagsgeläut im Dom-Inneren. Es war eine zufällige Erfahrung Die Hörposition befand sich nahe des Eingangs, von dem man sich aber weg ins Innere begeben muss, um den ganzen Raum zu erleben, wie er erregt wird von der Domglocke, der von St. Magnus und der Dreifaltigkeitskirche, die nacheinander einsetzen. Wir konstatieren ein zu wenig an Bewusstsein für einen Klangraum der Glocken dieser Stadt.

Klangexperimente. Wir machten den überzeugenden Versuch, die Kreuzstruktur des Hauptbaus zu markieren mit unseren bescheidenen Bordmitteln: Blockflöte, Kastagnetten und Drummsticks.

Ein eindrucksvolles Erlebnismoment verschaffte uns das Durchschreiten der West-Ost-Achse mit der Blockflöte. Leise Töne und Instrumente können den Raum mit Klang füllen. Sogar ein mangelhaft gespieltes Instrument macht großen Eindruck.

Andersichtige Ideen, Anregungen, die unerhört blieben

  1. Hören lässt sich populär machen als Weg der Meditation, der Einkehr, zur Öffnung der Besucher für die Anliegen des Festivals „Wunderhören“. Folgende Anregungen möchten wir konkret geben.
  • Hörerweckung. Ohren öffnen für Wunderhören. Der Beginn des Festivals als Einladung, sich auf ein ganzes Programm von Angeboten der mittelalterlichen Musik und Literatur einzulassen. Am Eröffnungswochenende könnte in diesem Sinne erlebbar werden, wie die Neuzeit unsere Hörsensibilität verschüttet, überlagert, zugelärmt hat. Eine rituelle Befreiung kann angeboten werden mit folgenden Elementen:
    a) Stadterhörung Mit Glockenkonzert und Sängerfest. Ein abgestimmtes, evtl. komponiertes und arrangiertes Läuten aller Glocken der Stadt kann mit speziellen Stadtführungen eine neue Wahrnehmungsperspektive schaffen. Die Chöre von Worms werden per Ausschreibung eingeladen, an geeigneten Orten der Stadt Aufführungen zu gestalten mit Madrigalen und was immer sie für den öffentlichen Raum passend finden. Chöre können ihren Auftrittsort wechseln und ein gemeinsames Finale gestalten.
    b) Lauschrausch: Große Räume, leise Töne. Kompositionen, Arrangements und Improvisationen für das Raumensemble Dom sollten als Auftragswerke für kleine Ensemble realisiert werden. Reinhard Walter hat hierzu angeregt, dass ein Spielen mehrerer Ensemblemitglieder miteinander über große Raumdistanzen durch ein elektronisches Monitoring mit Kopfhörern für die Musiker optimiert werden kann.
  • 2. Mittagsklang – Klanginstallation, die den Dom in seiner Ausdehnung und seinen architektonischen Gestaltungen erlebbar macht. Sie soll täglich eine Stunde lang eingeschaltet sein während des Festivals und sequenziell den Raum von verschiedenen Punkten her zum Klingen bringen. Besucher erhalten einen Lageplan der interessantesten Hörpunkte, an denen sie sinnliche Erfahrungen machen können, die den meisten Besuchern unbekannt sein dürften.
  • 3. Hörprozession. Live-Darbietungen kleiner Ensembles bzw. Solisten, was Literatur einschließt, in den Teil- und Nebenräumen: Nikolauskapelle usw.
  • 4. Raumdramatische Aufführung: „der böhmische Ackermann und der Tod“ in für den Dom adaptierter, evtl. gekürzter und überarbeiteter Fassung in musikalischer Rahmung. Das Stück nach Johannes von Saaz wurde zunächst als Hörspiel eingerichtet von Gunnar Müller-Waldeck.
  • 5. Soundscape-Dokumentation des Doms von Siegfried Saerberg.
  • Eine solche Vorstellung des lebendigen Klangraums Wormser Dom in seinen alltäglichen Nutzungen durch Gläubige und die Heimsuchung durch Touristen aber auch in seinen vielfältig aufspürbaren Offenbarungen als Klangwunder kann auf vielfältigen Wegen verbreitet und zugänglich gemacht werden: via Internet, Apps und als Tonträger.

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