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Vom Wert der Einflüsterungen

Auch das Sprechtheater lebt fürs Auge. Wenn das der Handlung nicht folgen kann, wird es manchmal ungemütlich. In diesem Abschnitt wird an persönlichen Erfahrungen gezeigt, wie wichtig der Zusatzkommentar für blinde Theaterbesucher ist.

"Und du, mein Kätzchen, hast du's gesehen?" Außer Gérard, der das spricht, ist nur Colette im Raum. Dass ihr Mann nicht zu ihr spricht, sondern zum Katzenfisch im Goldfischglas auf dem Wohnzimmertisch, kommt noch mehrmals vor im Stück, und irgendwann hätte sogar ich es aus dem Kontext gerafft. Als aber alle Sehenden lachen, während Alexandre gutmütig-machohaft auf Colette einredet, wäre wieder so ein Moment, wo ich mich frage, warum ich mir so einen Abend überhaupt antue. Das muss einem Blinden doch rechtzeitig gesagt werden, damit er mitlachen kann. Aus dem Ohrclip kommt auch hier rechtzeitig die erlösende Aufklärung der Audiodeskription: "Er klopft Colette mit einer Rohrzange auf den Bauch."

Auch unser netter Gastgeber an diesem Abend, Dramaturg Martin Vöhringer hat sich so einen guidePORT-Empfänger umgehängt und lauscht mit offenen Augen dem Zusatzkommentar. Viele Gesten und Bewegungen, an denen er mit viel Liebe und dem Ensemble gearbeitet hat, blieben unerklärt und also den blinden Besuchern verschlossen. Dass ihn das ein wenig enttäuscht hat, lässt er uns im Nachgespräch wissen. Gut, dass dieser Punkt zur Sprache kam.

Die Audiodeskription muss einer unerbittlichen Ökonomik gehorchen. Ihr stehen nur die Dialogpausen zur Verfügung. In einem so pointiert und temporeich dialogischen Stück wie dem "Gast" von David Pharao bleibt da nur wenig Raum. Diesen optimal fürs Wesentliche zu nutzen, ist die Kunst der Beschreiber. Olaf Koop, Hela Michalski und Rudolf Beckmann, also das Nordteam im Hörfilm e. V., beherrschen diese Kunst. Haide Völz musste den von den dreien erstellten Kommentartext situationsgerecht einsprechen. Erarbeitet wurde der Text nach Besuch einer früheren Aufführung und anhand eines Videomitschnitts in tagelanger Kleinarbeit. Aber jede Aufführung hat ihr eigenes Tempo und unerwartete Momente. Damit musste Haide Völz, die der Handlung auf der Bühne aus einer akustisch vom Zuschauerraum isolierten Regiekabine folgte, mit Geistesgegenwart und Reaktionsvermögen umgehen, was ihr auch wieder recht gut gelang.

Der Abgang der Akteure war ein schweigender. Klar, ich merke dann auch, dass das Stück zu Ende ist, wenn alle klatschen. Aber gerade die Finalszenen, die oft noch eine letzte Pointe setzen, schließen den Blinden nicht selten aus dem Kino-, Fernseh- oder Theatergenuss aus. In Rendsburg durfte das diesmal wieder anders sein. Mir wurde der Abgang geschildert. Und auch der Auftritt der Darsteller, die sich ihren verdienten Beifall abholten, ist bei regulären Vorstellungen für mich eine traurige Sache. Für wen und warum brandet der Applaus gerade auf? Die Beschreiberin lässt es mich wissen und ich kann autonom entscheiden, wann ich meinen Beifall wie dosiere.

Im nächsten Abschnitt geht es um den Wert der körperlichen Vorbereitung auf den Theaterbesuch.

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