.

"Barrierefreies Museum" - Andersicht im Landesmuseum Mainz

29. August 2011

Hela Michalski referierte im Rahmen einer Infoveranstaltung andersichtige Pilotprojekte für Audio-Museumsführungen. Hier werden ihr Vortrag und ihr Kurzbericht dokumentiert.

Blinde Menschen im Museum Ein Beitrag von Hela Michalski

Am 29.8.2011 habe ich, stellvertretend für Anke Nicolai von Hörfilm e. V., mit dem folgenden Referat und Einspielung der entsprechenden Hörbeispiele an der Informationsveranstaltung "Barrierefreies Museum" im Landesmuseum Mainz teilgenommen.

Als Blinde habe ich bereits schon an einigen Audioführungen gleichberechtigt mitgearbeitet. Der Verein Andersicht e. V. hat sich für unterschiedliche Übertragungssysteme entschieden.

Drei dieser Projekte möchte ich Ihnen hier vorstellen:

Erstens das über GPS ausgelöste System, das bei dem Projekt "Hallig Hooge für alle – Ich höre und fühle, was Du siehst" sowie bei einer Stadtführung mit Themengärten in Bad Langensalza im Einsatz ist,

zweitens das Tag-it-Guide -System, das im Nordseemuseum in Husum installiert wurde,

drittens den Penfriend, den sogenannten Hörstift, der im Multimar Wattforum in Tönning verwendet wird.

Auf Hallig Hooge und in Bad Langensalza werden die Beschreibungen der jeweiligen Stationen über GPS ausgelöst.

Den Rundblick von Hallig Hooge möchte ich Ihnen gern vorspielen, wo der blinde Tourist einen Standpunkt einnimmt, von dem aus er sich mit blindenspezifischen Orientierungstechniken eine Vorstellung von Lage und Entfernung der zehn Warften der Hallig verschaffen kann.

Beim Eintritt in einen durch Einmessung zum Satelliten bestimmten Bereich ist automatisch die vorgesehene Beschreibung zu hören. Das Satelliten gesteuerte System eignet sich besonders gut im offenen Gelände.

Im Nordseemuseum Husum fiel die Entscheidung, welches Audio-System sich dort gut eignen könnte, auf das Tag-it-Guide-System. Ausschlaggebend war, dass der blinde Besucher den Kontakt zu den Exponaten bekommen soll.

Aus eigener Erfahrung finde ich es sehr unangenehm, orientierungslos im Gang herumstehen zu müssen und mir als Hindernis für andere Museumsbesucher Informationen anzuhören, ohne zu wissen, wo sich ein Objekt befindet.

Bei dem Tag-it-Guide-System werden mit einem Lesestift von "Tags", die sich direkt an oder neben den Exponaten befinden, Informationen abgerufen. Die "Tags" verfügen über drei Hierarchieebenen, sodass eine klare Gliederung nach Überschrift, in Sprache umgesetzten Museumstexten und einer visuellen Beschreibung möglich ist.

Berührt man mit dem Lesestift einen "Tag", einen etwa 4 cm großen runden Punkt, wird die erste Ebene abgerufen.

Ein Signalton zeigt an, ob noch eine weitere Ebene vorhanden ist, die durch nochmaliges Tippen auf den "Tag" abgerufen werden kann. Je nach Interesse kann ein blinder Besucher sich alles anhören oder vorzeitig weitere Informationen abholen.

Von den Info-Tags sind diejenigen Tags, die nur für den Weg zum nächsten Exponat bestimmt sind, deutlich zu unterscheiden. Eine gut fühlbare Kerbe zeigt von der Mitte in die Richtung, wo die nächsten Tags zu finden sind. Zusätzlich wird der Weg dort hin erklärt.

Im Museum dürfen sämtliche offen liegende Modelle und Exponate berührt werden. Daher hat Andersicht noch eine dritte Variante von Tags eingesetzt, und zwar Tags in Pfeil-Form. Die Pfeile zeigen in Richtung besonders interessanter Taststrecken. Berührt man die Pfeile mit dem Lesestift erfährt man, was man betasten kann.

Diesem sehr komfortablen System fehlt allerdings eine gewisse Robustheit.

Die Beschreibungsstruktur folgt dem Prinzip: vom Großen zum Kleinen. Erst erhält der blinde Besucher eine Einführung zur Gesamtausstellung und anschließend eine Gliederung in die verschiedenen Bereiche des Museums und auf welcher Etage sie zu finden sind. Danach folgt die Übersicht eines einzelnen Bereichs und welche Installationen oder Modelle darin vorhanden sind.

Zum besseren Verständnis, mit welchen Inhalten die unterschiedlichen Tags belegt sind, habe ich vier Hörbeispiele ausgewählt:

  1. eine Übersicht zum Rungholt-Bereich,
  2. die Modellbeschreibung vom Uelvesbüller Koog,
  3. eine der dazugehörende Taststrecken-Information und
  4. eine typische Leit-Information zu den nächsten Tags.

Im Multimar Wattforum in Tönning wurde erst kürzlich das neu angebaute Walhaus barrierefrei ausgestattet.

Dem Ausstellungsleiter war es besonders wichtig, ein Vandalismus resistentes Audio-System einzusetzen. Täglich toben dort mehrere Schulklassen durch die Ausstellung. Ständig versuchen die Schüler etwas abzupukern oder kaputt zu machen. Um diesem Vandalismus Stand zu halten, hat das Multimar und Andersicht sich für den Hörstift entschieden.

Der Hörstift wird mit Inhalten programmiert, die von kodierten Labels abgerufen werden. Die Labels verschwinden unter einem angeschraubten Metallring, der in der Mitte eine trichterförmige Vertiefung hat. Der Ring wird zusätzlich durch eine Klebefolie geschützt. Die Spitze des Hörstiftes wird in den Trichter geführt und aus dem dicken Ende des Hörstiftes können die Informationen angehört werden. Da die Hörstifte nicht direkt die Labels berühren, ist es nicht möglich, sie zu zerkratzen. Auch Finger passen nicht durch die winzige Öffnung.

In der Einführung zum Walhaus wird auf die standardisierte Position der Ringe hingewiesen. Obwohl beim Konzept der Audioführung durch das Walhaus nicht davon ausgegangen worden ist, dass ein blinder Besucher alleine kommt, kann er sich trotzdem anhand eines Tastplans im Vorraum und der Einführung selbstständig durch diesen Ausstellungs-Bereich zurecht finden.

Das nächste Hörbeispiel ist eine Übersichtsbeschreibung des Wahlhauses mit seinen zehn Themenkammern.

Ähnlich wie diese große Übersicht sind auch die Übersichten der einzelnen Themenkammern strukturiert. Die Labels dafür kann der Blinde problemlos selber finden, da der Ring immer rechts neben dem Eingang auf Standarthöhe angebracht ist. Dort kann sich der blinde Besucher über die Gestaltung der Kammer ein Bild machen und erfährt, welche Installationen, Texttafeln, Bildschirminfos und Tastmodelle zu finden sind.Für Nachfragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.

So weit mein Referat.

Während der Mittagspause ist von diesem Angebot reichlich Gebrauch gemacht worden. Das größte Interesse lag dabei auf dem Hörstift. Vertreterinnen aus verschiedenen Museen konnten sich an meinem Stand von der Funktionalität des Hörstiftes selber überzeugen. Dazu lagen Holztafeln aus, die mit Fotos aus dem Multimar Wattforum beklebt und auf denen der dazugehörende Ring mit den Labels angeschraubt waren. Diese einfache und zugleich vandalismusresistente Technik beeindruckten die Museumsleute.

Das Ziel meines Beitrages war, kompetente blinde Personen bei diesen Bemühungen einzubeziehen.

In meinem Referat wollte ich keine Audioführung anderer Ausstellungen kritisieren. Schließlich bin ich selber mit Audioführungen befasst, sondern ich wollte die Zuhörer für die Wünsche und Bedürfnisse blinder Museumsbesucher sensibilisieren.

Dieser Artikel wurde bereits 2711 mal angesehen.



 

Logo EDAD

Wir sind Mitglied im Design für Alle – Deutschland e.V.

 

Login

Login




Registrierung.
. Passwort vergessen?
.