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Andersichtiger Audioguide

Zur Projektphilosophie des TagIt-Guide-Einsatzes im Nordseemuseum-Nissenhaus

Im Nordseemuseum-Nissenhaus wird ein Weg beschritten, von dem viele sagen, dass er nicht zum Ziel führen wird. Anspruchsvoll ist das Vorhaben für Entwickler und Nutzer. Warum lohnt sich das Wagnis?

Der gute alte Audioguide

Es gehört zum modernen Museum, dass man in ihm ein Gerät ausleihen kann, das die betrachtbaren Exponate und Infotexte durch eine akustische Führung ergänzt. Man ist dankbar für die Möglichkeit, sich beim Schauen ganz auf die Gegenstände konzentrieren zu können und dabei noch Nützliches ins Ohr zu bekommen. Was man hört, muss man nicht lesen.

Damit die richtige Information zum jeweiligen Gegenstand der Betrachtung zugeordnet werden kann, gibt es zwei Möglichkeiten. Am weitesten verbreitet ist, dass die Texte nach einem Nummernschlüssel gespeichert sind. Die Museumsgänger schauen sich in der Ausstellung nach den Nummern um, und tippen sie entweder in eine mechanische Tastatur oder auf einem Touch-Screen ein. Die andere Variante wurde längere Zeit von der Fa. Sennheiser verfolgt mit  ihrem guidePORT ™, Zur Lokalisierung der Informationen dienen dabei Transponder, die im Raum so installiert sind, dass sie beim Vorübergehen die passenden Texte auslösen.

Weil beim guidePORT das lästige Nummern-Tippen entfällt, ist er komfortabel für sehende und besonders interessant für blinde Besucher. Im freien Gelände kann das besonders hilfreich sein. Bewährt hat sich der Einsatz des guidePORT z. B. in der Sandskulpturen-Ausstellung SandWorld in Travemünde und ihrem kühlen Gegenstück IceWorld in Lübeck (beide wurden aus ökonomischen Gründen inzwischen wieder aufgegeben). Näherte man sich einer Skulptur wurde dazu die Beschreibung hörbar. Auch die Landesgartenschau 2008 in Schleswig wurde auf ähnliche Weise zugänglich gemacht.

Warum wir es anders machen wollen

Nummern muss man erst mal finden. Sehende haben damit schon ihre Mühe. Blinde müssen sich die Ziffern ansagen lassen und können sie auf einem Touchscreen derzeit gar nicht selber eingeben. Dieses Problem hat man beim guidePORT oder anderen Systemen mit aktiven Funk-Transpondern freilich nicht. Tritt man in den Bereich eines Transponders, wird die Information ausgelöst. Geht man weiter und tritt einem nächsten Transponder nahe, übernimmt dieser und löst die neue Information aus. Man bleibt also besser stehen. Aber ist der beschriebene Gegenstand nun vor, hinter oder neben dem Betrachter?

Der berührungslos arbeitende Audioguide passt zu allen Ausstellungen, in denen Berühren verboten ist. Die Unberührbarkeit schafft Distanz, die das Auge des Betrachters überwindet. Wo der Blickkontakt aber nicht möglich ist, wird auch der Audioguide unverbindlich. Mir bleibt als nichtsehendem Besucher zwar die Aura des Raums und das Beisammensein mit den anderen Besuchern; aber ob ich mir den Text nun vor dem Gegenstand der Besprechung anhöre oder ob ich mich in der Ecke auf einen Sitz niederlasse oder im Museumscafé den Worten lausche, das wird recht beliebig.

Um sich tatsächlich diese Ausstellung an diesem Ort zu erschließen, soll der Besucher sich erden müssen. Er berührt ein Label im Türrahmen und bekommt eine Einführung zum vor ihm liegenden Raum. Sie berührt ein Etikett an einer Vitrine und erfährt mehr über deren Inhalt. Jede Objektart verfügt über bestimmte Positionen, die mit dem Sensor des Guides zu berühren sind, damit die Objekte Auskunft über sich geben.

Der mündige Museumsbesucher

Es wird auch bei diesem Angebot nicht anders sein als bei anderen: Verschiedene Besucher werden verschieden intensiv damit umgehen und davon profitieren. Was so eine Audiobegleitung auf jeden Fall bewirkt, ist eine gewisse Entschleunigung der Beschäftigung mit der Ausstellungsmaterie. Ein Konsument, der gewohnt ist, über den Markt der Möglichkeiten zu wandern und sich von den Superlativen locken zu lassen, hat wenig Durchhaltevermögen in der Beschäftigung mit Details. Er/sie/es muss es ganz knapp und bündig haben. Wir wissen aus Publikumsbeobachtungen in der Lübecker IceWorld, dass Menschen mit dem Audioguide langsamer durch die Schau der Eisskulpturen liefen und auch weit mehr Vergnügen erlebten als die flüchtigen Durchläufer.

Indem im Nordseemuseum-Nissenhaus zur Berührung eingeladen wird, die den Dingen ihre Geheimnisse entlockt, erhoffen wir eine Intensivierung der Beschäftigung mit der Ausstellung. Wie sehr auch Sehende davon profitieren können, dass gründlich und kundig schauene Betrachter am Werke waren, erlebten wir beim Pressegespräch zum Projektstart. Das Autorenteam las einen Text vor zu den archäologischen Rungholt-Funden, die man durch Guckfenster betrachtet. Ein anwesender Journalist war fasziniert von dem Hinweis, dass diese Fensterchen verschiedenartig geformt sind wie Scherben.

Das Nordseemuseum im Husumer Nissen-Haus scheint uns in seiner baulichen wie gestalterischen Struktur dafür geeignet, dass ein mobiler, entdeckungsfreudiger blinder Besucher hier durchaus allein auf Entdeckungstour gehen kann. Dafür werden nutzbare Voraussetzungen geschaffen. Was gewiss nicht gehen wird - man wird nicht einen im täglichen Leben relativ unselbständigen Blinden am Eingang "abgeben" können, damit er sich ein paar Stunden allein in der Ausstellung bewegen kann, um ihn anschließend abzuholen und wieder an den Platz seines imobilen Daseins zurück zu begleiten. Wer sich hier allein bewegen will, muss die Techniken selbständigen Gehens natürlich beherrschen.

Aber auch für blinde Besucher in Begleitung wird unser Audioguide einen großen Gebrauchswert entwickeln. Was die Nutzer des Audioinformationsangebots erfahren, vermittelt ihnen ein umfassendes eigenes Bild und macht sie in ihrem Wissen der Begleitperson mindestens ebenbürtig. Sie kommen in die Lage, auf Grundlage einer soeben erworbenen Raumkenntnis selbst zu entscheiden, womit sie sich näher beschäftigen wollen. Sie erfahren Dinge, auf die sie ihre Begleiter aufmerksam machen können und treten damit aus der Rolle heraus, nur das zu erfahren, was die Begleiter sehen und weitergeben. Sie erlangen im Museumsbesuch eine gewisse Autonomie und Mündigkeit auch deshalb, weil nicht allein eine lineare Führung angeboten wird.

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