.

Pilot-Projekt Audio-Labelling im Multimar Wattforum (2010-2011)

Erstmals in Deutschland kann ein handlicher Audio-Lesestift genutzt werden, um lesbare Texte einer Ausstellung akustisch abzurufen. Dazu berührt man mit dem "LabelFreund" optische Etiketten, weshalb wir dieses Verfahren Audio-Labelling nennen.

Das Thema

In einer Ausstellung oder einem Museum gibt es viel zu schauen. Da sind zum einen die Exponate selbst nebst diversen Präsentationen und Inszenierungen; und da gibt es Beschilderungen sowie Texttafeln. Insbesondere Ausführliche Text-Erläuterungen stellen an sich schon eine Barriere dar für nicht oder schlecht sehende Menschen und für solche mit Lese- oder Lernschwierigkeiten. Sie sind auch unzugänglich für Besucher, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. selbst die Besucher, für die all dies kein Problem darstellt, schauen sich lieber im Ausstellungsgut um, als dass sie sich in Lektüre vertiefen.

All das sind Gründe dafür, nach einer Lösung zu suchen, um die schriftlichen Informationen einer Ausstellung alternativ auch in Form gesprochener, hörbarer Sprache anzubieten. Unser Wunsch: Die Texte sollen in Form eines Audios abgerufen werden können. Dafür favorisieren wir Labels, Etiketten, die so anzubringen sind, dass sie

  • a) in erkennbarem Zusammenhang mit dem schriftlichen Text stehen und
  • b) erreichbar sind.

Die Lösung

Die Firma Mantra Lingua bietet für den Bereich Sprachunterricht einen Sensorstift an, den "Talking und RecorderPEN", mit dem Kinder, Eltern und Lehrer gesprochene Worte von einem optischen Etikett abrufen und diese Etiketten auch mit eigenen Sprachaufnahmen verbinden können. Das RNIB (Royal National Institute of Blind People) machte daraus ein Blindenhilfsmittel, den i. J. 2009 ausgezeichneten "PenFriend audio labeller". Eine Demo-Vorführung gibt es auf YouTube.

Das Gerät besticht durch

  • seine einfache Handhabung,
  • sein praktisches Design,
  • seine Robustheit und Zuverlässigkeit
  • und zu alledem einen niedrigen Beschaffungspreis.

Die mitgelieferten optischen Etiketten werden zuverlässig erkannt, und der zugeordnete Text wird ohne merkliche Verzögerung im integrierten Lautsprecher gut verständlich hörbar.

Für einen Museumseinsatz ist die Aufnahmefunktion eher hinderlich. Fertig produzierte Texte können aber über den USB-Anschluss des PenFriend geladen werden.

Zuerst machte sich das Bristol Museum & Art Gallery diese Möglichkeit zunutze. Eine erste Vorführung gab es am 10.09.2010 mit elf blinden Personen. Museum Access and Inclusion officer Paul Sullivan schrieb einen lesenswerten Erfahrungsbericht.

In Deutschland hat sich zuerst das Louis-Spohr-Museum in Kassel mit der Möglichkeit beschäftigt, den PenFriend, der hierzulande auch als "LabelFreund" vertrieben wird, einzusetzen.

Das erste Museum, was diese Möglichkeiten in die Tat umgesetzt hat, ist das Multimar Wattforum Tönning.

Die Ausführung

Zu Demonstrationszwecken hat Andersicht eine der Relief-Landkarten zur Hallig Hooge mit den kleinen runden Labels ausgestattet. Berührt man diese, werden die einzelnen Warften benannt und erläutert. Dies hat Eckehard Bockwoldt sofort von den Möglichkeiten dieser Technologie überzeugt. Er ist als stellv. Leiter des Multimar Wattforum für die Ausstellungsgestaltung zuständig. In der kleinen Kieler Firma infotracks wussten wir einen Partner, der bereit und in der Lage ist, das Projekt umzusetzen. Dies geschah dann in einer kreativen Atmosphäre. Die Entwicklungs- und Erstellungskosten konnten aus dem "Fonds zur Herstellung der Barrierefreiheit im öffentlichen Raum für blinde und sehbehinderte Menschen in Schleswig-Holstein" finanziert werden. Für die Umsetzung blieb weniger als 10 Wochen Zeit.

Projektbeschreibung

Auswahl des Ausstellungsbereichs

Das Multimar Wattforum hat bereits einiges für seine blinden Besucher zu bieten. Neben einem Reliefbuch zur Ausstellung (Stand 2008) sind zahlreiche Aquarien und Exponate in Brailleschrift beschildert. Die neuere Walhalle war diesbezüglich noch gar nicht erschlossen, bietet sich aber an wegen

  • ihrer Attraktivität,
  • ihres symmetrischen Aufaus und
  • wegen des hohen schriftlichen Informationsaufkommens.

Der Raum wird erfüllt von einem Walskelett, das von der Decke hängt. Rings herum befinden sich 10 Themenkammern.

Inhaltliche Umsetzung

Alle Texte, die für sehende lesbar angebracht wurden, sind in leicht überarbeiteter Fassung in einem Tonstudio aufgenommen worden. Infotracks hat die Texte den Labels zugeordnet und fünf Geräte mit den Audios bestückt.

Durch das Multimar Wattforum werden die Labels angebracht, wobei folgende Konvention gilt:

  1. Labels, die einen Überblick zu einer Themenkammer geben, sind in einer Höhe von 110 cm rechts neben dem Kammer-Eingang angebracht.
  2. Labels zu einer Texttafel befinden sich an deren rechten unteren Ecke.

Vorkehrungen gegen Vandalismus

Für Eckehard Bockwoldt, den erfahrenen Museumsmann stand außer Frage, dass hier alles Denkbare bedacht werden muss. Folgende Vorkehrungen wurden getroffen:

  • Die papierenen Labels bekommen eine fest verankerte Schutzhülle, die für den optischen Sensor kein Hindernis darstellt;
  • Am Gerät wird die Aufnahmefunktion und die Modus-Umschaltung deaktiviert.

Flankierende Maßnahmen

  1. Die Zugänglichmachung der Texte ist schon ein großer Gewinn. Für blinde Besucher sind darüber hinaus Raum- und Objektbeschreibungen wichtig. Sie wurden für den Vorraum, die Walhalle und die einzelnen Kammern durch das bewährte Nordteam im Hörfilm e. V. erarbeitet - s. Artikel: Bilder für die Ohren.
  2. Eine Anregung aus dem Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein aufgreifend, wurde als Orientierungshilfe durch die Firma drei-D Formenbau ein Lageplan für Walhalle und Vorraum hergestellt. Dieser steht nun als ansehnliches und für tastende Hände nicht nur informatives, sondern außerordentlich ästhetisches Relief im Vorraum zur Walhalle. Dort kann die Erkundung mit dem "LabelFreund" beginnen.

Fazit und Ausblick

Der handliche Informant "LabelFreund" wird sich eine Saison lang unter strenger Beobachtung bewähren müssen. Dann ist an einen Ausbau zu denken.

  • Labels können auch für weitere Teile des Hauses produziert werden.
  • Eine Version für englisch sprechende Besucher ist geplant.

Mit dem Multimar Wattforum hoffen wir auf viele interessierte und zufriedene Besucher, die ein hilfreiches Feedback geben, und natürlich sind auch Fachbesucher sehr willkommen. Eckehard Bockwoldt und sein Team wird gern das "Nähkästchen" öffnen. Andersicht stellt für interessierte Häuser gern seine Beratungs- und Begleitdienste zur Verfügung.

 

Dieser Artikel wurde bereits 5834 mal angesehen.



 

Logo EDAD

Wir sind Mitglied im Design für Alle – Deutschland e.V.

 

Logo: Museumsverbund Nordfriesland

MSGF-Fonds

 

Login

Login




Registrierung.
. Passwort vergessen?
.