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Eine neue Generation von Landschaftsreliefs - Der Anfang (2010-2011)

Faszination Modell

Modelle üben große Anziehungskraft aus. Wo sie durch Miniaturisierung Übergroßes auf menschliches Maß zurückführen, machen sie ganzheitliches Erfassen möglich, von der Freude am herausgearbeiteten Detail gar nicht zu reden.

Was für alle nett zu haben ist, besitzt für Blinde eine ganz grundlegende Bedeutung. Betastbare Modelle machen ihren Händen zugänglich, was sich sonst nicht erschließen würde, weil es

  • unzugänglich, unerreichbar oder
  • zu Groß ist, um mit Händen erfasst werden zu können.

Um so bedauerlicher ist es, dass viele Modelle nicht für Hände sondern für Augen gemacht werden. Entweder sind sie zu filigran gearbeitet, aus zu empfindlichem Material oder werden an unzugänglichen Standorten präsentiert. Jedenfalls ist jedes Modell, das für tastende Hände verboten oder unzugänglich ist, eine verlorene Gelegenheit, bei einem Design für alle die Belange derer zu berücksichtigen, die auf das wortwörtliche Begreifen angewiesen sind.

Plädoyer für das naturgetreue Landschaftsmodell

Mit kunsthandwerklicher Fertigkeit wurde schon manches Stück urbaner Architektur modelliert. Architekten und Stadtplaner selbst arbeiten mit Modellen und zeigen sie gelegentlich vor. Nicht allein für Blinde eine große Freude sind die Stadtmodelle, die Edgar Broerken in mehrmonatiger Arbeit erschafft.Relief Der Schnappschuss aus Hamburg zeigt, was man allenthalben beobachten kann: solche Modelle sind beliebte Treffpunkte für Touristen und Einheimische. Sie gewähren einen Nahblick aus der Vogelperspektive. Man kann an ihnen diskutieren, was man noch sehen, wohin man noch gehen will. Sie besitzen einen Kommunikationswert.

Die wichtigsten Bauwerke der Hansestadt Stralsund wurden in einem mehrjährigen Projekt geschaffen, damit auch Blinde die Hanseatischen Monumente räumlich verstehen können. Modelle und Kopien spielen eine wichtige Rolle auch in der Museumspädagogik. Aber davon soll hier abgesehen werden.

Uns in der Insel- und Halligwelt und in den Weiten der norddeutschen Flächenländer ebenso wie die Menschen in den Naturräumen der Bergwelt interessieren auch Landschaftsmodelle. Diese sind herstellbar mit modernster Technologie. Per Satelliten- und Luftaufnahmen generierte Abbilder sind verfügbar und lassen sich per CAD -CAM an CNC-gesteuerte Fräsmaschinen übermitteln, die aus geeigneten Werkstoffen die gewünschten Abbilder formen. Eindrucksvolle Beispiele solcher Gestaltung sind der Meeresglobus und die Abbildung der Ostsee im Stralsunder Ozeaneum. Der Einsatz moderner Technologie macht solche Modelle letztlich auch eher erschwinglich als die kunsthandwerklichen Arbeiten urbaner Modellierer.

Unser Einstieg

Klar, wir wollten die mehrjährige Arbeit an "Ich höre und fühle, was du siehst! Hallig Hooge für Blinde und Sehbehinderte" durch ein Tastmodell krönen. Werkstoffe wie Bronze, Kupfer oder Holz sind den salzhaltigen wilden friesischen Winden eher nicht gewachsen. Und dass Edgar Broerken unsere Anfrage nicht einmal beantwortet hat, kam der Suche nach neuen Wegen ganz bestimmt zugute.

Unsere Anforderungen

Folgende Kriterien sollen die Landschaftsmodelle erfüllen, für die wir uns stark machen.

  • Die Größe: sie sollen so groß wie möglich sein, um so viele Details abbilden zu können wie möglich;
  • Sie sollen nur so groß sein, dass jeder Punkt mit Händen von Menschen mittlerer Statur erreicht werden kann;
  • Die Abbildung soll möglichst naturgetreu sein;
  • wenn bestimmte Momente im gewählten Maßstab für den Tastsinn nur unzureichend hervortreten, sind gestalterische Eingriffe wie z. B. Überhöhungen gerechtfertigt;
  • geografische Bezeichnungen und weitere Informationen sollen per Brailleschrift und möglichst auch per Audio dargestellt werden.

 

Die Konzipierung des Hallig-Hooge-Reliefs

Unsere Vorgaben

  1. Die Abmessungen sollen 1,50 m in Länge und Breite nicht wesentlich überschreiten.
  2. Die Bebauung der Warften soll so gegenständlich wie möglich erfühlbar sein.
  3. Die Warften sollen beschriftet sein
    a) in gut lesbarer Druckschrift und
    b) in Braille-Kurzbezeichnungen (2 Buchstaben). Das impliziert die Notwendigkeit, Platz für eine Legende in Braille-Schrift zu lassen.
  4. Unter der Braille-Beschriftung sollen RFID-Chips eingebracht werden.

Das umfangreiche Datenmaterial des Landesvermessungsamtes umfasst allein für Hallig Hooge 16 Karten. Die Landschaft wird bis auf fünf Meter Genauigkeit wiedergegeben. Die Programmierung der Fertigungstechnik erfordert einen hohen Rechenaufwand.

Beim Maßstab von 1 : 300 und angesichts der Tatsache, dass die Warften ca. 10 m übers Land ragen, ist absehbar, dass ohne eine horizontale Überhöhung kaum Details der Bebauung fühlbar werden. Unsere Fachleute einigen sich auf eine Überhöhung mit Faktor 9.

Damit wird auch die Deichlinie überhöht, wie auf einem Probestück erkennbar ist. Das ist nicht gewollt. Da muss manuell nachbearbeitet werden.

Halligwarftmodell Zu definieren war auch die Farbgebung, was z. B. bezüglich des Wattenmeeres nicht ganz einfach war. Die Farbgebung entsteht im letzten Arbeitsgang, dem Airbrushing.

Vollendung

Der Förderantrag wurde noch im Juni gestellt. Wir hofften auf einen frühen Termin der Fertigstellung, um einen wesentlichen Vorzug der Kunstholzmodelle ausppielen zu können: die gute Transportierbarkeit. Es war klar, dass die Aufstellung am endgültigen Bestimmungsort auf Hooge für die laufende Saison nicht mehr in Betracht kommt. Bis April 2011 blieb also Zeit, die Attraktion auf Messen und in Ausstellungen zu präsentieren. Auftakt sollte "Einblick - Ausblick" Anfang Oktober in Neumünster sein. Weil der Bewilligungsbescheid erst Ende September erging, wurde dieser Plan hinfällig.

Dennoch Andersicht und seine Partner arbeiten schnell und konzentriert.

Aus dem Tagebuch des Modellbauers:

  • 30.09.2010: Grünes Licht von der Hallig! Der Bewilligungsbescheid für die Finanzierung aus dem "Fonds zur Herstellung der Barrierefreiheit im öffentlichen Raum für blinde und sehbehinderte Menschen in Schleswig-Holstein", datiert auf den 21.9.2010, ist eingetroffen.
  • 02.10.2010: Das Musterstück Nordostspitze der Hallig Hooge wird in der Messe "Einblick - Ausblick" in den Holstenhallen Neumünster am Stand von Andersicht e. V. präsentiert und kommt bei den Besuchern sehr gut an.
  • 08.10.2010: Beginn der rechentechnischen Datenverarbeitung.
  • 12.10.2010: Die Berechnung der Daten hat mehrere Rechner drei Tage lang beschäftigt. Nun können sie in die CNC-Anlage eingegeben werden. Der Fräsprozess kann beginnen.
  • 18.10.2010: Manuelles Setzen der Braille-Beschriftungen;
  • 19.10.2010: Treffen mit Renée Oetting-Jessel und den "Trinkussen" zwecks letzter Feinarbeiten und Endabnahme; Anschließend Airbrush-Grundierung;
  • 22.10.2010: Erste Vorführung einschl. Sprach-Tags in Flensburg;
  • 23.10.2010: Beginn der Kolorierung;
  • 05.11.2010: Präsentation des fertigen Tastreliefs auf der Tagung der Biosphären-Konferenz in Leck.

 

 

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