.

Nach den Sternen greifen

Arianne 5

Im Dezemberheft der Verbandszeitschrift "Die Gegenwart" wurde die Kieler Veranstaltung vom 11.10.09 auf S.33-34 besprochen.

Hier folgt der ungekürzte Text des Artikels, der auch angehört werden kann (Größe: 4,33 MB, Dauer: 7'13): jetzt abspielen

Nach den Sternen greifen

Nun also geht mit 2009 auch das internationale Jahr der Astronomie zu Ende. "Das war eh nichts für schwache Augen", könnte man meinen. Doch in Kiel gibt es einen nahezu blinden Studenten, der das anders sieht.

"Sterne über Kiel" - so hieß das Veranstaltungsprogramm, mit dem die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt im Januar feierlich das internationale Jahr der Astronomie eröffnete. Niels Luithardt, Student der Mathematik und Physik, machte sich seine eigenen Gedanken. Nachdem er sich gerade an sprechenden Landkarten der nordfriesischen Insel- und Halligwelt begeistert hatte, meinte er, man könnte mit seinem Astro-Professor auch hör- und tastsinnige Himmelskörper herstellen. Also trafen sich Niels Luithardt, Prof. Wolfgang J. Duschl von der Kieler Uni und einige Mitglieder des gerade gegründeten Vereins "Andersicht e.V. - Kompetenz für hör- und tastsinnige Projektarbeit" bei Eduard Thomas in dessen Reich, dem Mediendom der Fachhochschule Kiel. Dort ging gerade die Produktion der Planetariumsshow "Augen im All - Vorstoß ins unsichtbare Universum" in die Schlussphase. Auch wieder nichts für Blinde?

Das Beschreiberteam Nord von Hörfilm e.V. nahm die Herausforderung an und erstellte die Audiodeskription des Augenspektakels, eine Koproduktion der europäischen Raumfahrt-Agentur ESA mit mehr als 30 Planetarien des deutschsprachigen Raums. Dem Verein "Andersicht" gelang es kurzfristig, bei der Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein und der Bordesholmer Sparkasse das nötige Geld zu besorgen. Und der Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein spendierte seine guidePORT-Technik für die diskrete Funkübertragung des Zusatzkommentars direkt ins Ohr der interessierten Besucher.

Am 11. Oktober vermittelte dann die Veranstaltung "Astronomie für alle Sinne" im Rahmen der "Woche des Sehens" eine recht irdische Botschaft:
Viele Informationen, die heutzutage vor allem an das Auge adressiert werden, lassen sich auch anders an die Leute bringen, allerdings nicht ohne zusätzlichen Einsatz von Mühe und Geld. Bestes Beispiel: "Augen im All". Die Show schlägt mit spiel- und dokumentarfilmischen Mitteln den Bogen über 400 Jahre Wissenschaftsgeschichte von Galileo Galilei, der den Forscherblick durch das Fernrohr in den Sternenhimmel lenkte, bis zu den Superteleskopen "Herrschel" und "Planck", welche die ESA am 14. Mai 2009 mit einer Ariane-5-Rakete in den Orbit schickte. Robuste und detailgetreue Modelle beider Satelliten konnten übrigens nach der Veranstaltung in die Hand genommen werden.

"Astronomie für alle Sinne" hieß auch das Vortragsthema von Prof. Wolfgang J. Duschl. Er konnte den viel versprechenden Anfang einer Schau-, Tast- und Horchsammlung vorstellen. Sie soll an der Christian-Albrechts-Universität galaktische Phänomene auf vielsinnige Weise zugänglich machen. "Ist die Astronomie eine Wissenschaft des Sehens?", fragte Duschl und ließ nicht lange auf die Antwort warten:
"Nein!" Denn ohne Hilfsmittel sieht auch das schärfste Auge nur einen geringen Ausschnitt von dem, was Astronomen erforscht haben. Und selbst die sichtbaren Sterne täuschen den Sehsinn. Prof. Duschl deutete auf das Sternbild Orion: Die drei Gürtelsterne zeigen sich aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, doch das Auge irrt. "Sie kennen sich nicht, die drei! Sie sind sehr weit voneinander entfernt", erklärte Duschl. "Der Mittlere ist viel weiter weg, aber er scheint in einer Linie mit den beiden Äußeren zu stehen, weil er aus größerer Entfernung heller strahlt."

Was dem Auge verborgen bleibt, haben Prof. Duschl und sein Student Niels Luithardt mit Helfern in Modellen greifbar gemacht. Was sie dazu n utzen, gibt es in jedem Baumarkt. Aus einem Holzbrett ragen Schraubenbolzen verschiedener Länge, Dicke und Beschaffenheit, mit runden und sechseckigen Köpfen, mit geradem oder Kreuzschlitz, womit verschiedene Eigenschaften kodiert werden: scheinbare und tatsächliche Helligkeit, Größe, Entfernung und Objektklasse.

"Wenn wir vom Sehen reden", fuhr Prof. Duschl fort, "sprechen wir von einem ziemlich schmalen Spektrum zwischen 400 und 800 Nanometern. Wenn wir von Astrophysik sprechen, geht es um Wellenlängen, die von wenigen Nanometern bis in den Bereich von vielen Metern reichen. Das meiste davon kann niemand auf der Welt sehen." Die Wissenschaftler übersetzen ihre Messergebnisse in sichtbare Abbildungen. So sind wir es gewohnt, aber es gibt keinen zwingenden Grund, dass es so sein muss und nicht anders sein kann. Die Astrophysiker wissen um faszinierende Temperaturverteilungen in den Weiten des Alls. Unser Universum wurde vor 13,7 Milliarden Jahren geboren. Es dehnte sich explosionsartig aus und kühlte rasant ab. Das kann man sichtbar, aber eben auch hörbar machen. Der Professor spielte uns die ersten Millionen Jahre im Zeitraffer vor und empfahl, dazu die Augen zu schließen.

An der Christian-Albrechts-Universität Kiel wurde ein neuer Weg der Wissensvermittlung betreten. Die Besucher der Veranstaltung im Kieler Mediendom waren beim ersten Schritt dabei. Es steht zu erwarten, dass das astrophysikalische Horch- und Tastkabinett recht bald vielen blinden Menschen das Universum der Sternenkunde eröffnen wird. Auf dem Laufenden gehalten werden Interessenten auf www.andersicht.net.

Dr. Jürgen Trinkus
© Gegenwart, Magazin für blinde und sehbehinderte Menschen und ihre Freunde, 62. Jahrgang, H.12/2009 S.33-34
Herausgeber: Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV)

Dieser Artikel wurde bereits 3813 mal angesehen.



 

Logo EDAD

Wir sind Mitglied im Design für Alle – Deutschland e.V.

 

Login

Login




Registrierung.
. Passwort vergessen?
.